EU AI Act für KMU: ein AI-Inventar in 5 Schritten erstellen
Der EU AI Act ist seit August 2024 in Kraft. Die erste Aufgabe für KMU wird oft übersehen: festzustellen, welche KI-Tools überhaupt im Einsatz sind. Dieses AI-Inventar erstellen Sie in fünf Schritten.

Bünyamin Pollin
Geschäftsführung & Technische Leitung
Inhalt
Der EU AI Act regelt seit August 2024 den Einsatz von KI-Systemen in der EU. Für KMU beginnt Compliance mit einer Inventur der KI-Tools, die tatsächlich genutzt werden, auch derer, von denen die Geschäftsführung nichts weiß. Diese Shadow-IT wird am häufigsten übersehen. Alle weiteren Schritte bauen auf einem strukturierten AI-Inventar auf.
Parallele zur DSGVO
Der EU AI Act tritt gestaffelt in Kraft. Bei der DSGVO hatten Unternehmen, die früh inventarisiert und Prozesse aufgesetzt hatten, später weniger Hektik. Das Inventar ist günstig zu erstellen und der erste sinnvolle Schritt.
Schritt 1: Alle AI-Tools erfassen, auch die inoffiziellen
Die offiziellen Tools sind schnell gelistet. Aufwendiger ist es, die inoffizielle Nutzung zu finden: der Vertrieb, der mit ChatGPT Angebote formuliert, das Marketing mit einem Bild-Generator, die Buchhaltung mit einem KI-Plugin in der Tabellenkalkulation.
- Abteilungen einzeln befragen, anonym oder ohne Schuldzuweisung. Sonst bleibt Shadow-IT verborgen.
- Browser-Erweiterungen und Plugins prüfen: viele KI-Funktionen sitzen unsichtbar in bestehenden Tools.
- Abo- und Ausgaben-Listen sichten: KI-Dienste tauchen oft als kleine Monats-Posten auf.
- Eingebaute KI-Funktionen erfassen: Microsoft Copilot, KI in CRM, ERP und Design-Werkzeugen zählen mit.
Shadow-IT ist verbreitet
In fast jedem Unternehmen werden KI-Tools genutzt, die nie freigegeben wurden. Eine Inventur, die nur die offiziellen Tools erfasst, hilft für die Compliance nicht. Wenn Mitarbeitende keine Sanktionen fürchten müssen, melden sie mehr, als eine Richtlinie allein ans Licht bringt.
Schritt 2: Use-Case und Datenfluss pro Tool beschreiben
Für jedes gefundene Tool halten Sie fest, wofür es genutzt wird und welche Daten hineingehen. Die Datenfrage verbindet den EU AI Act direkt mit der DSGVO: Werden personenbezogene Daten in ein KI-Tool gegeben, gelten beide Regelwerke gleichzeitig.
- Zweck: Was leistet das Tool konkret im Arbeitsalltag?
- Daten-Input: Welche Daten werden eingegeben: anonym, personenbezogen, geschäftskritisch?
- Datenstandort: Wo verarbeitet der Anbieter, innerhalb oder außerhalb der EU?
- Output-Nutzung: Wird das Ergebnis intern genutzt oder fließt es in Kundenkommunikation?
Schritt 3: Risikoklasse zuordnen
Der EU AI Act kennt vier Risikoklassen. Die meisten KMU-Anwendungen fallen in die unteren beiden. Ordnen Sie trotzdem jeden Use-Case einzeln ein. Dasselbe Tool kann je nach Einsatz in verschiedenen Klassen landen.
Unannehmbares Risiko
Verboten, etwa Social Scoring oder manipulative Systeme. Für KMU praktisch nicht relevant, aber zu prüfen.
Hohes Risiko
Strenge Pflichten, etwa für KI in Personalauswahl, Bonitätsbewertung oder kritischer Infrastruktur. Diese Fälle genau prüfen.
Begrenztes Risiko
Transparenzpflicht, etwa für Chatbots, die sich als KI zu erkennen geben müssen, oder für KI-generierte Inhalte, die gekennzeichnet werden.
Minimales Risiko
Keine spezifischen Pflichten. Hierher gehört der Großteil der KI-Nutzung im Büroalltag.
Schritt 4: Pflichten ableiten
Aus der Risikoklasse ergeben sich die konkreten Maßnahmen. Für die meisten KMU dominiert das begrenzte Risiko mit Transparenzpflichten. Dazu kommen die DSGVO-Pflichten überall dort, wo personenbezogene Daten im Spiel sind.
- Transparenzhinweise dort, wo Kunden mit KI interagieren (z. B. Chatbot-Kennzeichnung).
- KI-generierte Inhalte kennzeichnen, wo der EU AI Act es verlangt.
- Bei personenbezogenen Daten: DSGVO-Rechtsgrundlage und ggf. AV-Vertrag mit dem Anbieter.
- Eine interne AI-Richtlinie, die regelt, welche Tools für welche Daten erlaubt sind.
- Hochrisiko-Use-Cases gesondert dokumentieren und rechtlich prüfen lassen.
Schritt 5: Das Inventar lebendig halten
Ein AI-Inventar ist kein einmaliges Dokument. KI-Tools kommen und gehen, Funktionen ändern sich, neue Mitarbeitende bringen neue Werkzeuge mit. Legen Sie Verantwortliche und einen Update-Rhythmus fest, sonst ist das Inventar in drei Monaten veraltet.
- Eine verantwortliche Person pro Bereich, die neue Tools meldet.
- Quartalsweise Review des Inventars, mindestens halbjährlich.
- Ein einfaches, gemeinsam zugängliches Format. Eine Tabelle genügt, solange sie gepflegt wird.
- Onboarding-Prozess: Neue KI-Tools werden vor dem produktiven Einsatz eingetragen und eingeordnet.
Nach fünf Schritten
Sie wissen jetzt, welche KI im Unternehmen läuft, welche Daten sie verarbeitet und welche Pflichten daraus folgen. Darauf bauen AI-Compliance und ein späteres AI-Compliance-Audit auf.
Quellen
Häufige Fragen
Ist mein KMU überhaupt vom EU AI Act betroffen?
Sehr wahrscheinlich ja, sobald Sie KI-Tools einsetzen. Das tun fast alle Unternehmen, oft ohne es zu wissen. Die Pflichten richten sich nach dem Risiko des konkreten Use-Cases, nicht nach der Unternehmensgröße. Für die meisten KMU bedeutet das Transparenzpflichten und eine AI-Richtlinie, nicht den vollen Hochrisiko-Aufwand.
Reicht eine Tabelle als AI-Inventar?
Ja, für den Einstieg. Wichtiger als das Format ist, dass das Inventar vollständig (inklusive Shadow-IT), aktuell und mit Verantwortlichen versehen ist. Eine gepflegte Tabelle ist mehr wert als ein aufwändiges Tool, das niemand aktualisiert. Mit wachsender KI-Nutzung kann später ein strukturierteres Inventar-Template sinnvoll werden.
Was ist der Unterschied zwischen AI-Inventar und AI-Compliance-Audit?
Das AI-Inventar ist die Selbst-Inventur als erster Schritt. Ein AI-Compliance-Audit geht tiefer: vollständige Tool-Inventur inklusive Shadow-IT, DSGVO- und EU-AI-Act-Bewertung pro Use-Case, Gap-Analyse und fertige Templates für AI-Richtlinie und Inventar. Das Inventar ist der Anfang, das Audit die belastbare Bestandsaufnahme mit Maßnahmenkatalog.
Weitere Anleitungen
Umsetzung durch Visgenix
AI-Compliance-Audit
Visgenix erstellt im AI-Compliance-Audit ein vollständiges Inventar inklusive Shadow-IT, ordnet jeden Use-Case dem EU AI Act zu und liefert fertige Templates für AI-Richtlinie und Inventar. Sie erhalten ein Angebot nach Umfang.