KI im Unternehmen einführen: Richtlinie, KI-Kompetenz-Pflicht und erste Schritte

Bünyamin Pollin
Geschäftsführung & Technische Leitung
Um KI im Unternehmen sauber einzuführen, brauchen Sie drei Dinge: eine schriftliche KI-Richtlinie, Maßnahmen zur KI-Kompetenz Ihrer Beschäftigten und eine Liste, welche KI-Tools wofür genutzt werden. Die Pflicht zur KI-Kompetenz steht in Art. 4 der KI-Verordnung (EU AI Act) und gilt seit dem 2. Februar 2025. Danach starten Sie mit wenigen, klar abgegrenzten Anwendungsfällen.
Die Pflicht betrifft auch Unternehmen, die „nur“ ChatGPT, Microsoft Copilot oder ein Übersetzungstool einsetzen. Wer ein KI-System in eigener Verantwortung beruflich nutzt, ist nach Art. 3 Nr. 4 der Verordnung „Betreiber“.
Was verlangt Art. 4 EU AI Act zur KI-Kompetenz?
Anbieter und Betreiber von KI-Systemen müssen Maßnahmen ergreifen, damit ihr Personal und alle, die in ihrem Auftrag mit KI arbeiten, ausreichend kompetent damit umgehen. Seit dem 27. Juli 2026 gilt dafür eine geänderte Fassung. Die Digital-Omnibus-Verordnung zur KI (Verordnung (EU) 2026/1744) hat Art. 4 neu gefasst. Der erste Absatz lautet jetzt:
Die Anbieter und Betreiber von KI-Systemen ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals und anderer Personen zu unterstützen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, wobei ihre technischen Kenntnisse, ihre Erfahrung, ihre Aus- und Fortbildung und der Kontext, in dem die KI-Systeme eingesetzt werden sollen, sowie die Personen oder Personengruppen, bei denen die KI-Systeme eingesetzt werden sollen, zu berücksichtigen sind. Diese Verpflichtung verpflichtet Anbieter oder Betreiber nicht, für irgendeine Person ein bestimmtes Niveau an KI-Kompetenz zu garantieren.
Vorher hieß es, Unternehmen müssten „nach besten Kräften sicherstellen“, dass ihr Personal über ein „ausreichendes Maß an KI-Kompetenz“ verfügt. Jetzt ist es eine Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen und die Entwicklung der Kompetenz zu unterstützen. Die Pflicht bleibt bestehen. Ein bestimmtes Niveau pro Person müssen Sie nicht garantieren.
Rechtsstand 29. September 2026
Art. 4 gilt seit dem 2. Februar 2025, in geänderter Fassung seit dem 27. Juli 2026. In Deutschland ist seit dem 29. Juli 2026 das KI-Marktüberwachungs- und Innovationsförderungsgesetz (KI-MIG) in Kraft. Zuständige Marktüberwachungsbehörde und Anlaufstelle ist die Bundesnetzagentur, die auch einen KI-Service-Desk für Unternehmen betreibt. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.
Welche Maßnahmen genügen, sagt der Text nicht im Einzelnen. Er verlangt, dass Sie Vorkenntnisse, Einsatzkontext und betroffene Personen berücksichtigen. Eine Buchhalterin, die Belege mit KI vorsortiert, braucht anderes Wissen als ein Recruiter, der Bewerbungen zusammenfassen lässt. Ein Zertifikat schreibt Art. 4 nicht vor. Dokumentieren Sie trotzdem, welche Maßnahmen Sie ergriffen haben, sonst können Sie sie später nicht belegen.
Was gehört in eine KI-Richtlinie für Unternehmen?
Eine KI-Richtlinie regelt, welche Tools erlaubt sind, welche Daten hinein dürfen und wer für was verantwortlich ist. Die Datenschutzkonferenz (DSK) empfiehlt in ihrer Orientierungshilfe „Künstliche Intelligenz und Datenschutz“, interne Regelungen zu treffen, Verantwortlichkeiten festzulegen und betriebliche Accounts einzurichten. Eine praxistaugliche Richtlinie passt auf zwei bis drei Seiten und enthält:
- Freigegebene Tools mit Kontotyp: Firmenkonto statt privatem Account, damit Einstellungen und Zugänge zentral steuerbar sind.
- Verbotene Eingaben: personenbezogene Daten, Kundendaten, Geschäftsgeheimnisse und Zugangsdaten, solange das Tool nicht ausdrücklich dafür freigegeben ist.
- Prüfpflicht: KI-Ergebnisse werden vor der Verwendung von einem Menschen geprüft. Keine Entscheidung über Personen allein durch KI.
- Kennzeichnung: wann KI-erzeugte Texte, Bilder oder Stimmen als solche markiert werden müssen.
- Ansprechperson: wer Tools freigibt, Fragen beantwortet und die Richtlinie aktualisiert.
- Umgang mit Shadow-IT: nicht freigegebene Tools werden gemeldet, ohne Sanktion für die Meldung.
- Schulung: wer welche Einweisung bekommt, bevor er ein Tool nutzt.
- Überprüfung: fester Termin, an dem die Richtlinie angepasst wird, mindestens einmal im Jahr.
Gibt es einen Betriebsrat, binden Sie ihn früh ein. Auch das nennt die DSK ausdrücklich, zusammen mit dem Datenschutzbeauftragten.
ChatGPT im Unternehmen: worauf Sie beim Datenschutz achten
ChatGPT und vergleichbare Assistenten sind die häufigste KI-Anwendung im Büro. Für den Einsatz im Unternehmen klären Sie vorab:
- Werden Eingaben vom Anbieter für das Training seiner Modelle genutzt, und lässt sich das abschalten?
- Bietet der Anbieter einen Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO an?
- Wo werden die Daten verarbeitet, und auf welcher Grundlage erfolgt eine Übermittlung in Drittstaaten?
- Wer verwaltet die Konten, und was passiert mit Chatverläufen, wenn Beschäftigte das Unternehmen verlassen?
- Ist für den geplanten Einsatz eine Datenschutz-Folgenabschätzung nötig? Die DSK nennt sie bei hohem Risiko für Betroffene.
Die Antworten unterscheiden sich je nach Anbieter und Vertragsstufe. Privatkonten mit Standardeinstellungen sind für Firmendaten in der Regel die schlechteste Wahl, weil das Unternehmen weder Einstellungen noch Zugänge kontrolliert.
Erste Schritte: KI in sechs Schritten einführen
Bestand aufnehmen
Welche KI-Tools nutzen Ihre Beschäftigten schon, offiziell und inoffiziell? Wie das geht, beschreibt unsere Anleitung <a href="/wissen/eu-ai-act-kmu-ai-inventory-5-schritten-erstellen">AI-Inventar in 5 Schritten</a>.
Richtlinie schreiben
Zwei bis drei Seiten nach der Checkliste oben. Lieber kurz und gelesen als lang und ignoriert.
Tools freigeben
Ein oder zwei Werkzeuge mit Firmenkonten, geprüftem AV-Vertrag und passenden Einstellungen. Alles andere bleibt vorerst gesperrt.
Grundschulung durchführen
Alle Nutzer bekommen eine Einweisung: Funktionsweise, typische Fehler wie erfundene Fakten, Datenschutzregeln der Richtlinie. Teilnahme dokumentieren.
Pilot mit zwei bis drei Anwendungsfällen
Konkrete Aufgaben mit messbarem Ergebnis, etwa Angebotsentwürfe, Protokolle oder interne Recherchen. Jeder Fall hat einen Verantwortlichen.
Nach drei Monaten auswerten
Was spart Zeit, was nicht, wo gab es Probleme? Danach Richtlinie anpassen und weitere Fälle freigeben.
Welche Fristen des AI Act noch kommen
Für die meisten KMU ist Art. 4 die erste Pflicht, die tatsächlich greift. Der EU AI Act gilt gestaffelt, die Hochrisiko-Pflichten wurden durch die Verordnung (EU) 2026/1744 verschoben:
| Ab | Was gilt | Relevanz für typische KMU |
|---|---|---|
| 2. Februar 2025 | Verbotene Praktiken, KI-Kompetenz (Art. 4) | hoch: betrifft jedes Unternehmen, das KI nutzt |
| 2. August 2025 | Pflichten für Anbieter von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck | gering: betrifft Modellanbieter |
| 2. August 2026 | Transparenzpflichten nach Art. 50, z. B. Kennzeichnung von Deepfakes | mittel: wenn Sie KI-Bilder, -Videos oder -Stimmen veröffentlichen |
| 2. Dezember 2027 | Hochrisiko-Systeme nach Anhang III, z. B. KI in Personalauswahl oder Kreditprüfung | hoch, falls Sie solche Systeme einsetzen |
| 2. August 2028 | Hochrisiko-Systeme nach Anhang I (KI in regulierten Produkten) | nur für Hersteller solcher Produkte |
Wie Visgenix bei der KI-Einführung unterstützt
Visgenix bietet KI-Schulungen für Teams an. Der AI-Starter-Workshop (1.490 €, 4 Stunden, bis 8 Teilnehmende, vor Ort oder remote) vergleicht ChatGPT, Claude und Gemini, übt Prompting an echten Aufgaben und behandelt Datenschutz und Vertraulichkeitsregeln. Der AI-Power-User-Workshop (2.890 €, 8 Stunden) ergänzt ein Fachmodul, etwa für Vertrieb, Backoffice oder Buchhaltung, und einen Follow-up-Call nach 30 Tagen.
Für die Compliance-Seite gibt es das AI-Compliance-Audit (3.490 €, 2–3 Wochen): Inventar aller KI-Tools inklusive Shadow-IT, DSGVO-Bewertung, Einordnung jedes Anwendungsfalls in die Risikoklassen des AI Act, Maßnahmenkatalog sowie Vorlagen für KI-Richtlinie und KI-Inventar. Alle Preise netto zzgl. MwSt.
Gilt die KI-Kompetenz-Pflicht auch für kleine Unternehmen?
Ja. Art. 4 EU AI Act gilt für alle Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, unabhängig von der Größe. Die Neufassung vom Juli 2026 verpflichtet Kommission und Mitgliedstaaten zusätzlich, besonders KMU bei der Umsetzung zu unterstützen.
Brauchen Beschäftigte ein Zertifikat für KI-Kompetenz?
Nein. Art. 4 verlangt Maßnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz und seit Juli 2026 ausdrücklich keine Garantie eines bestimmten Niveaus. Dokumentieren Sie Schulungen, Richtlinie und Einweisungen trotzdem, damit Sie Ihre Maßnahmen belegen können.
Dürfen Mitarbeitende ChatGPT mit Kundendaten nutzen?
Nur wenn das Tool dafür freigegeben ist: Firmenkonto, AV-Vertrag nach Art. 28 DSGVO, geklärte Trainingsnutzung und Drittlandübermittlung. Ohne diese Prüfung gehören personenbezogene Daten nicht in ein KI-Tool.
Wer ist in Deutschland für die Aufsicht zuständig?
Seit dem Inkrafttreten des KI-MIG am 29. Juli 2026 ist die Bundesnetzagentur Marktüberwachungsbehörde, Anlaufstelle und Beschwerdestelle für die KI-Verordnung. Für datenschutzrechtliche Fragen bleiben die Datenschutzaufsichtsbehörden zuständig.
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung / EU AI Act)
- Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital-Omnibus-Verordnung zur KI), ABl. L vom 24.7.2026
- BMDS: Neues KI-Gesetz tritt in Kraft (KI-MIG)
- Bundesnetzagentur: KI-Service-Desk
- Datenschutzkonferenz: Orientierungshilfe Künstliche Intelligenz und Datenschutz (06.05.2024)